
Die lokale Wirtschaft des Tofus in der Schweiz verstehen
Die Schweiz deckt mit ihrer eigenen Produktion weniger als 1 Prozent ihres Sojabedarfs. Agroscope beziffert diesen Bedarf auf rund 300 000 Tonnen Sojaschrot pro Jahr, und praktisch alles davon landet im Futtertrog. Speisesoja, also jenes Soja, aus dem Tofu wird, belegt eine viel kleinere Fläche: Die Mühle Rytz und die Genossenschaft Progana, die diese Kette in zwanzig Jahren aufgebaut haben, nennen mehr als 500 Hektaren Bio-Speisesoja in der Schweiz. Neben 300 000 Tonnen importiertem Schrot ist das eine Nische. Aus dieser Nische stammt allerdings der grösste Teil des in der Schweiz verkauften Bio-Tofus.
Diese Diskrepanz erklärt fast alles Weitere: warum Schweizer Tofu kostet, was er kostet, warum das Wort «Schweiz» auf einer Packung weniger bedeutet als angenommen, und warum eine Landwirtin, die Soja für Tofu sät, ein Risiko eingeht, das beim Futtersoja nicht besteht.
Was das Land tatsächlich produziert
Die Zahl von Agroscope lohnt einen zweiten Blick. Die 300 000 Tonnen Schrot jährlich entsprechen der Nachfrage der Tierhaltung: Milchkühe, Schweine, Geflügel. Die Schweizer Produktion deckt davon weniger als 1 Prozent. Der Rest kommt per Schiff und Lastwagen, meist als Schrot, und hat mit der Frischtheke nichts zu tun.
Speisesoja läuft auf einer eigenen Schiene. Andere Sorten, andere Übernahmebedingungen, andere Abnehmer. Die von der Mühle Rytz genannten über 500 Hektaren sind das Ergebnis von zwanzig Jahren Arbeit mit Progana, mit Tofusorten, die mehrheitlich von Agroscope in Changins gezüchtet wurden, mit Schweizer Saatgut und Schweizer Anbau. Dieselbe Quelle hält fest, dass dieses Soja wegen fehlendem Grenzschutz mehr als doppelt so teuer ist wie importiertes Bio-Soja.
Das ist eine nüchterne wirtschaftliche Tatsache, und sie sagt mehr aus als jede Nachhaltigkeitsformulierung. Schweizer Bio-Tofu existiert, weil ein Verarbeiter und eine Genossenschaft bereit waren, einen doppelt so teuren Rohstoff zu bezahlen, und weil der Detailhandel bereit war, das Ergebnis zu verkaufen.
Warum Soja hier eine schwierige Kultur ist
Die Knappheit an Schweizer Speisesoja ist kein Problem des politischen Willens. Sie ist agronomisch bedingt, und das Merkblatt des FiBL zum biologischen Sojaanbau (Schweizer Ausgabe 2025) listet die Gründe einzeln auf.
Die Saat erfolgt um Mitte Mai, sobald die Bodentemperatur in 5 Zentimetern Tiefe 10 Grad übersteigt. Geerntet wird zwischen Mitte September und Mitte Oktober, nach 120 bis 150 Kulturtagen je nach Standort und Reifegruppe. Gut besonnte Lagen bis etwa 650 Meter über Meer eignen sich besonders, bei einem Boden-pH zwischen 6 und 7. Damit fällt ein erheblicher Teil des Landes weg.
Soja ist eine Leguminose, aber die Bakterien, die ihr die Fixierung von Luftstickstoff erlauben, Bradyrhizobium japonicum, kommen in europäischen Böden nicht natürlich vor. Ohne Impfung des Saatguts schöpft die Pflanze nur 50 Prozent ihres Ertragspotenzials aus. Mit Impfung decken diese Bakterien 80 bis 100 Prozent des Stickstoffbedarfs der Kultur. Das Impfmittel kostet rund 40 Franken pro Hektare, also praktisch nichts, aber der Schritt lässt sich nicht nachholen: Das FiBL hält fest, dass eine Impfung nach der Saat nicht möglich ist.
Die Unkrautregulierung ist im Biolandbau der eigentliche Kostenpunkt. Das FiBL nennt 10 bis 25 Stunden Handjäten pro Hektare, wenn die mechanische Regulierung funktioniert hat und das Jahr nicht übermässig feucht ist. Kommen mehrere ungünstige Bedingungen zusammen, steigt dieser Wert auf 150 bis 200 Stunden pro Hektare. Und bei starkem Unkrautdruck, der sich wegen der Witterung nicht kontrollieren lässt, kann die gesamte Ernte verloren gehen.
Der mittlere Bioertrag liegt bei guter Kulturführung zwischen 20 und 25 Dezitonnen pro Hektare. Unter optimalen Bedingungen, mit Bewässerung und beherrschter Unkrautregulierung, sind über 45 Dezitonnen möglich. Speisesorten liefern jedoch 10 bis 20 Prozent weniger Ertrag als Futtersorten, weil die Züchtung auf Geschmack, Proteingehalt und Verarbeitungseignung zielt statt auf Tonnage.
Hinzu kommt der Wasserbedarf zum falschen Zeitpunkt. Bis zur Blüte im Frühsommer ist Soja gemäss FiBL trockenheitstolerant. Entscheidend ist die Versorgung während der Blüte und der Kornfüllung im Hochsommer: Wassermangel oder Temperaturen unter 15 Grad während der Blüte führen bei nicht angepassten Sorten zum Blütenabwurf. Trockenheit am Ende der Kornfüllung kann eine vorzeitige Abreife und einen Qualitätsverlust auslösen, wobei grüne Körner ein kritischer Faktor für die Anforderungen an Speisesoja sind. Genau in diese Phase fallen in der Schweiz die heissesten Wochen des Jahres, was die Kultur in trockenen Sommern anfällig macht.
Auch die Standortwahl ist enger, als sie klingt. Geeignet sind gemäss FiBL lockere, tiefgründige, mittelschwere und sich rasch erwärmende Böden mit guter Drainage. Ungeeignet sind schwere, steinige oder flachgründige Böden sowie staunasse, verdichtete oder torfige Lagen. Saure Böden hemmen die Entwicklung der stickstofffixierenden Bakterien, alkalische begünstigen die Chlorose. Nährstoffreiche Böden erhöhen wiederum den Unkrautdruck, und ein hoher Stickstoffgehalt hemmt die Fixierung durch die Pflanze selbst. In kühlen Lagen mit tiefem pH rät das FiBL zu Lupinen statt zu Soja.
Die Rechnung, die der Betrieb aufmacht
Die von Bioaktuell publizierten Richtpreise für Bio-Ackerkulturen erlauben einen direkten Vergleich. Bio-Speisesoja wurde 2025 zum Marktpreis von 210 bis 235 Franken je Dezitonne gehandelt. Bio-Futtersoja ist für 2026 auf 141 Franken je Dezitonne festgelegt, zuzüglich 18 Franken Förderbeitrag, also 168 Franken.
Die Bruttodifferenz wirkt komfortabel: 42 bis 67 Franken je Dezitonne zugunsten des Speisesojas. Sie muss aber um den tieferen Ertrag der Tofusorten korrigiert werden. Bei 22 Dezitonnen pro Hektare und 220 Franken je Dezitonne ergibt Speisesoja rund 4840 Franken Bruttoerlös pro Hektare. Futtersoja bei gleichem Ertrag und 168 Franken ergibt rund 3696 Franken. Die reale Differenz liegt bei etwa tausend Franken pro Hektare, bevor die zusätzlichen Jätstunden und das Abstufungsrisiko eingerechnet sind.
Denn Speisesoja wird unter Bedingungen übernommen. Das FiBL nennt einen Standardfeuchtigkeitsgehalt von 11 Prozent, einen Preisabzug ab 1 Prozent Besatz, einen Abzug ab 2 Prozent Bruchkorn sowie Zurückweisung bei Muffgeruch oder Pilzbefall. Eine Partie, die diese Kriterien verfehlt, wird nicht zu Tofu, sondern geht in die Tierfütterung, zum Preis der Tierfütterung. Dieses Abstufungsrisiko begrenzt die Zahl der Betriebe, die einsteigen, stärker als der ausgewiesene Preis.
Was «Schweiz» auf einer Packung rechtlich bedeutet
Hier täuscht die Intuition der Konsumentinnen und Konsumenten fast immer, und die Regeln sind öffentlich.
Die Swissness-Gesetzgebung ist am 1. Januar 2017 in Kraft getreten. Nach dem Bundesamt für Landwirtschaft darf ein Lebensmittel die Schweizer Herkunftsangabe nur tragen, wenn mindestens 80 Prozent des Gewichts der Rohstoffe aus der Schweiz stammen (100 Prozent bei Milch) und wenn der Verarbeitungsschritt, der dem Produkt seine wesentlichen Eigenschaften verleiht, in der Schweiz stattfindet.
Der Haken liegt in der Berechnungsmethode. Artikel 48b des Markenschutzgesetzes sieht vor, dass Rohstoffe entsprechend ihrem Schweizer Selbstversorgungsgrad in die Rechnung eingehen. Rohstoffe mit einem Grad von mindestens 50 Prozent zählen vollständig. Solche zwischen 20 und 49,9 Prozent zählen nur zur Hälfte. Solche unter 20 Prozent können von der Berechnung ausgenommen werden.
Anhang 1 der Verordnung über die Verwendung von schweizerischen Herkunftsangaben legt den Selbstversorgungsgrad für Soja auf 12,7 Prozent fest. Unter der Schwelle von 20 Prozent. Das heisst: Das Soja eines Produkts darf rechtmässig aus der 80-Prozent-Rechnung herausfallen, womit eine Swissness-Auslobung auch bei einem Sojaprodukt möglich wird, dessen Soja nicht mehrheitlich schweizerisch ist. Das ist keine still genutzte Lücke, sondern der vom Gesetz vorgesehene Mechanismus für Rohstoffe, die das Land nicht in ausreichender Menge produziert.
Für die Verwendung der Angabe braucht es keine vorgängige Bewilligung. Kontrolliert wird nachträglich durch die Kantonschemiker im Rahmen des Täuschungsschutzes, mit möglicher Zivilklage nach Artikel 55 und 56 des Markenschutzgesetzes und möglicher Strafanzeige nach Artikel 64.
Die Angabe, die zwingend ist
Das Informationsschreiben 2024/2 des BLV vom 24. Juli 2024 stellt den geltenden Rahmen dar. Das Produktionsland ist für alle Lebensmittel obligatorisch, ausser es ist bereits über die Sachbezeichnung oder die Adresse auf der Packung erkennbar (Art. 15 Abs. 6 LIV).
Zwei Präzisierungen verändern, wie man ein Tofu-Etikett liest.
Erstens meint die Herkunft einer Zutat jene des Ausgangsprodukts, nicht jene der Verarbeitung. Das BLV nennt als Beispiel das Mehl: Anzugeben ist das Land, aus dem der Weizen stammt, nicht jenes, in dem er gemahlen wurde. Auf Tofu übertragen heisst das: Massgebend ist, wo das Soja gewachsen ist, nicht wo es geronnen und gepresst wurde. In der Schweiz aus österreichischen Bohnen hergestellter Tofu bleibt beim Rohstoff österreichischer Sojatofu.
Zweitens müssen alle Länder genannt werden, wenn eine Zutat aus mehreren Ländern stammt. Eine Auswahlliste im Stil «Schweiz, Österreich oder Italien» ist nicht zulässig. Und anders als beim Produktionsland darf die Herkunft einer Zutat nicht auf einen vagen geografischen Raum erweitert werden, ausser die Angabe erfolgt freiwillig.
Schliesslich löst eine Swissness-Deklaration eine zusätzliche Pflicht aus: Die Herkunft der Zutaten muss deklariert werden, sobald nicht tierische Zutaten 50 Massenprozent überschreiten und nicht aus der Schweiz stammen. Bei einem Block Tofu, in dem Soja nach Wasser mit Abstand die dominierende Zutat ist, hat diese Regel Zähne.
Für den Einkauf ergibt das eine einfache Methode: Suchen Sie das Herkunftsland des Sojas, nicht den Herstellungsort, und misstrauen Sie einem Schweizerkreuz ohne jede Herkunftsangabe zur Bohne. Unser Leitfaden zum Lesen eines Lebensmitteletiketts erklärt die allgemeine Logik, und jener zu den Schweizer Labels trennt, was ein Logo garantiert, von dem, was es bloss nahelegt.
Von der Bohne zum Block
Das Verfahren hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert: Einweichen, Mahlen mit Wasser, Kochen, Filtrieren zur Trennung von Sojadrink und Okara, Gerinnung, Pressen, Kühlen.
Für die Kundschaft entscheidend ist die Gerinnung, denn das Gerinnungsmittel bestimmt die Endzusammensetzung. Mit Calciumsulfat wird Tofu zu einer nennenswerten Calciumquelle. Mit Nigari, im Wesentlichen Magnesiumchlorid, bleibt das Calcium tief und das Magnesium steigt. Die Ciqual-Tabelle der ANSES nennt für 100 Gramm vorverpackten Naturtofu 100 Milligramm Calcium und 100 Milligramm Magnesium, für Seidentofu dagegen nur 21 Milligramm Calcium. Das ist keine Herstellerspitzfindigkeit: Die Zeile mit dem Gerinnungsmittel in der Zutatenliste sagt Ihnen, ob Ihr Tofu zur Calciumversorgung beiträgt oder nicht. Unser Artikel zu Calcium und Magnesium ohne Milchprodukte ordnet diese Werte in den Tagesbedarf ein.
Bei den Sorten züchtet Agroscope seit über vierzig Jahren gentechnikfreies Soja und zielt dabei ausdrücklich auf Verarbeitungseignung, hohen Proteingehalt, Kältetoleranz während der Blüte und geringe Ansprüche an die Temperatursumme. Für Tofu sind Bohnen mit gelbem Nabel gesucht, weil sie einen hellen Tofu ohne unerwünschte Färbung ergeben, wobei das FiBL festhält, dass die Nabelfarbe die Tofuqualität selbst nicht beeinflusst. Bis eine Linie vermehrt und der Praxis zur Verfügung gestellt wird, vergehen 12 bis 15 Jahre Züchtungsarbeit. Diese Dauer erklärt, warum sich eine Speisesojakette nicht verordnen lässt: Sie entsteht über zwei Jahrzehnte, was genau dem von der Mühle Rytz beschriebenen Zeitraum entspricht.
Was in einer Portion steckt
Die Schweizer Ernährungsempfehlungen ordnen Tofu den proteinreichen Lebensmitteln zu, von denen täglich eine Portion gegessen werden soll, mit über die Woche wechselnden Quellen. Eine Portion entspricht 120 Gramm Tofu, Tempeh oder Seitan natur. Zum Vergleich: Eine Portion sind auch 60 Gramm Hülsenfrüchte roh oder 100 bis 120 Gramm Fleisch oder Fisch.
Für 120 Gramm Naturtofu ergeben sich aus den Ciqual-Werten pro 100 Gramm rund 178 Kilokalorien, 16,1 Gramm Protein, 10,2 Gramm Fett davon 1,62 Gramm gesättigt, 3,4 Gramm Kohlenhydrate, 120 Milligramm Calcium, 2,9 Milligramm Eisen, 120 Milligramm Magnesium und 0,03 Gramm Salz.
Dieselbe Portion Räuchertofu liefert rund 197 Kilokalorien, 17,9 Gramm Protein und 0,89 Gramm Salz. Das Verhältnis ist deutlich: Der geräucherte enthält etwa dreissigmal so viel Salz wie der natur. Räuchertofu bleibt ein gutes Produkt, gehört aber in die Kategorie der salzigen Lebensmittel und muss über den Tag entsprechend verrechnet werden, nicht als Ersatz für den Naturblock.
Seidentofu spielt in einer anderen Liga: 54,3 Kilokalorien und 4,57 Gramm Protein pro 100 Gramm. Er ist eine Texturzutat für Desserts und Saucen, keine mit Festtofu vergleichbare Proteinquelle.
Für die Bohne selbst nennt Ciqual 432 Kilokalorien, 34,5 Gramm Protein, 19,2 Gramm Fett, 13 Gramm Nahrungsfasern, 220 Milligramm Calcium und 15,7 Milligramm Eisen pro 100 Gramm. Das FiBL beziffert den Proteingehalt der Bohnen je nach Sorte auf 35 bis 45 Prozent und das Öl auf 15 bis 20 Prozent, bei rund 20 Prozent Nahrungsfasern und 2 bis 3 Prozent Lecithin, dem höchsten Anteil aller Pflanzenöle.
Der Vergleich zwischen Bohne und Block erklärt nebenbei, wohin die Nährstoffe gehen. Von 34,5 Gramm Protein pro 100 Gramm Trockenbohne bleiben im Naturtofu 13,4 Gramm pro 100 Gramm, weil der Tofu zu 73,8 Prozent aus Wasser besteht. Die Nahrungsfasern gehen einen anderen Weg: Ciqual weist für Naturtofu weniger als 0,5 Gramm pro 100 Gramm aus, gegenüber 13 Gramm in der Bohne. Der grösste Teil der Fasern verbleibt beim Filtrieren im Okara, dem Pressrückstand, der in der Küche als Zutat für Frikadellen, Aufstriche oder Gebäck weiterverwendet werden kann. Wer Tofu als Faserquelle einplant, rechnet falsch; wer ihn als Proteinquelle einplant, rechnet richtig. Für die Faserseite eines Tages sind Hülsenfrüchte die naheliegendere Ergänzung.
Das Eisen im Tofu ist pflanzliches Eisen und unterliegt denselben Aufnahmeregeln wie jenes aus Linsen oder Kichererbsen. Die 2,9 Milligramm einer Portion von 120 Gramm sind kein direkt verwertbarer Betrag; wie viel davon aufgenommen wird, hängt von der Mahlzeitzusammensetzung ab. Unser Artikel zur Optimierung der Eisenaufnahme geht auf diese Mechanik ein.
Was die Forschung zur Gesundheit sagt
Tofu trägt zwei gegensätzliche Rufe mit sich, und keiner hält den Zahlen stand.
Beim Cholesterin ist die beste verfügbare Synthese die 2019 im Journal of Nutrition publizierte Metaanalyse, die jene 46 Studien neu auswertete, welche die US-Behörde FDA zusammengestellt hatte, als sie den Widerruf der Health Claim für Sojaprotein prüfte. Über 43 auswertbare Studien hinweg sank das LDL bei einer medianen Dosis von 25 Gramm Sojaprotein pro Tag über median sechs Wochen um 4,76 mg/dl (95-Prozent-Konfidenzintervall −6,71 bis −2,80) und das Gesamtcholesterin um 6,41 mg/dl (95-Prozent-Konfidenzintervall −9,30 bis −3,52). Das entspricht einer Senkung von etwa 3 bis 4 Prozent. Real, statistisch solide und bescheiden. Rund drei Viertel der Studien weisen in dieselbe Richtung, aber nur eine Minderheit erreicht einzeln Signifikanz, und es gibt keinen Dosis-Wirkungs-Effekt.
Zu den Isoflavonen kam die EFSA 2015 zum Schluss, dass die geprüften Daten keine schädlichen Wirkungen auf Brustdrüse, Gebärmutter und Schilddrüse bei Frauen in und nach der Menopause nahelegen. Eine 2026 in Nutrients erschienene Übersicht zeichnet beim Brustkrebsrisiko ein weniger klares Bild: Prospektive Kohorten verbinden eine höhere Isoflavonzufuhr mit einem tieferen Risiko, randomisierte Studien zu Risikomarkern bestätigen diesen Schutzeffekt jedoch nicht. Die Hypothese, dass eine frühe Exposition in Kindheit oder Jugend entscheidend wäre, ist über dreissig Jahre alt und wird durch Tier- und retrospektive Studien gestützt, doch das Fehlen randomisierter Studien verbietet eine Empfehlung.
Was bleibt: Tofu ist eine gute Proteinquelle, zeigt bei üblichen Verzehrsmengen keine identifizierte Gefahr und heilt nichts. Die ausführliche Fassung dieser Debatte steht in Der Mythos Soja und in Der Mythos von gefährlichem Soja.
Speisesoja und Futtersoja streiten nicht um dieselben Hektaren
Eine Verwechslung kehrt in der öffentlichen Debatte ständig wieder: Dem Tofu wird die Abholzung für den Sojaanbau angelastet. Die Zahlen von Agroscope erledigen das in einer Zeile. Der Schweizer Bedarf wird auf 300 000 Tonnen Schrot pro Jahr geschätzt, also Tierfutter, und über 80 Prozent der weltweiten Sojaproduktion sind gentechnisch verändert, während das in der Schweiz verkaufte Speisesoja weit überwiegend biologisch und damit definitionsgemäss gentechnikfrei ist.
Tofu und Schrot stammen weder aus denselben Sorten noch aus denselben Ketten noch aus denselben Pflichtenheften. Einem Block Schweizer Bio-Tofu die südamerikanischen Futtersojaflächen vorzuwerfen, verwechselt zwei Produkte, die nur einen Artnamen teilen. Das spricht Soja generell nicht frei; es verschiebt die Frage dorthin, wo sie sich tatsächlich stellt, nämlich in die Tierfütterung.
In der Fruchtfolge hat Soja durchaus eigene Qualitäten. Das FiBL hält fest, dass es keine Stickstoffdüngung braucht, selbstverträglich ist und nicht zur Leguminosenmüdigkeit des Bodens beiträgt, und dass sein kräftiges Wurzelsystem und die rasch abgebauten Ernterückstände in der Regel eine gute Bodenstruktur hinterlassen. Es empfiehlt dennoch eine Anbaupause von drei bis vier Jahren gegen Sklerotinia und Diaporthe sowie einen Abstand von mindestens vier Jahren zu Raps, Sonnenblumen und Bohnen, die denselben Sklerotienpilz beherbergen. Es weist zudem darauf hin, dass Soja der Folgekultur wenig bis keinen Stickstoff hinterlässt, anders als Ackerbohnen oder Erbsen. Unser Artikel zu Schweizer Hülsenfrüchten ordnet Soja unter die weiteren in der Schweiz möglichen Eiweisskulturen ein.
Sechs häufige Fehler
Annehmen, in der Schweiz hergestellter Tofu sei aus Schweizer Soja. Herstellungsort und Bohnenherkunft sind zwei verschiedene Angaben, und nur die zweite sagt etwas über die landwirtschaftliche Kette aus.
Das Schweizerkreuz als Garantie für die Rohstoffherkunft lesen. Bei einem Selbstversorgungsgrad von 12,7 Prozent darf Soja aus der 80-Prozent-Rechnung der Swissness herausfallen.
Räuchertofu wie Naturtofu behandeln. 0,89 Gramm Salz gegenüber 0,03 Gramm bei einer Portion von 120 Gramm, also etwa Faktor dreissig.
Von Seidentofu erwarten, dass er Festtofu in einem Eiweissgericht ersetzt. 4,57 Gramm Protein pro 100 Gramm gegenüber 13,4 Gramm.
Davon ausgehen, dass jeder Tofu Calcium liefert. Das hängt vom Gerinnungsmittel ab, und die Zutatenliste sagt welches.
Dem Tofu die Sojaabholzung anlasten. Das Soja, das dieses Problem verursacht, landet im Futtertrog, nicht in Blöcken Bio-Tofu.
Was dieser Artikel nicht klären kann
Ciqual ist eine französische Nährwerttabelle, hier angewendet auf in der Schweiz verkaufte Produkte; ein konkreter Block kann abweichen, besonders beim Calcium, das vom gewählten Gerinnungsmittel abhängt.
Die Richtpreise von Bioaktuell sind Produzentenpreise für Bio-Soja und sagen nichts über Verarbeitermargen oder Ladenpreise. Eine konsolidierte öffentliche Statistik zum Marktanteil von Schweizer Tofu gegenüber importiertem Tofu existiert nicht, weshalb dieser Artikel keine nennt.
Die Zahl von über 500 Hektaren stammt von einem Kettenakteur, der Mühle Rytz, die zugleich kommerzielle Partei ist. Sie ist mit der Grössenordnung der Branche vereinbar, aber keine Bundesstatistik.
Und die Cholesterinresultate betreffen isoliertes Sojaprotein in kontrollierter Dosierung, nicht Tofublöcke im Verlauf einer gewöhnlichen Woche.
Häufige Fragen
Ist Schweizer Tofu zwingend biologisch? Nein, aber die von Progana und der Mühle Rytz aufgebaute Schweizer Speisesojakette ist eine Biokette, und der grösste Teil des in der Schweiz verkauften Bio-Tofus stammt daraus.
Warum kostet Schweizer Tofu mehr? Weil der Rohstoff mangels Grenzschutz mehr als doppelt so teuer ist wie importiertes Bio-Soja und weil Tofusorten 10 bis 20 Prozent weniger Ertrag liefern als Futtersorten.
Wie viel Tofu ergibt ein Kilo Bohnen? Die übliche Grössenordnung sind 2 bis 2,5 Kilo Tofu pro Kilo Trockenbohnen, was zu den Proteingehalten beider Produkte passt: 34,5 Gramm pro 100 Gramm Bohnen gegenüber 13,4 Gramm pro 100 Gramm Tofu.
Deckt Tofu meinen Proteinbedarf? Eine Portion von 120 Gramm liefert rund 16,1 Gramm Protein, was den Schweizer Empfehlungen zufolge einer täglichen Portion proteinreicher Lebensmittel unter mehreren über die Woche zu variierenden entspricht. Siehe den umfassenden Leitfaden zu pflanzlichen Proteinen.
Soll ich Soja bei Schilddrüsen- oder Hormonproblemen meiden? Die EFSA hat keine schädliche Wirkung auf Schilddrüse, Gebärmutter und Brustdrüse bei Frauen in und nach der Menopause festgestellt. Eine persönliche medizinische Frage gehört zur Ärztin, nicht in einen Artikel.
Wie finde ich heraus, woher das Soja meines Tofus stammt? Die Herkunft einer Zutat bezeichnet das Land, in dem der Rohstoff gewachsen ist. Sind mehrere Länder beteiligt, müssen alle genannt werden, und eine Auswahlliste ist unzulässig.
Enthält gekaufter Tofu Zusatzstoffe? Naturtofu enthält grundsätzlich Soja, Wasser und ein Gerinnungsmittel. Aromatisierte oder panierte Zubereitungen gehören in eine andere Kategorie, die wir unter Zusatzstoffe in Fleischersatzprodukten behandeln.
Kann man zu Hause Tofu aus Schweizer Soja machen? Ja, sofern man Speisesojabohnen findet, was im Detailhandel selten bleibt, da die Kette hauptsächlich vertraglich mit den Verarbeitern arbeitet.
Quellen
- Agroscope, Soja und Sojazüchtung
- Bundesamt für Landwirtschaft, Swissness für Lebensmittel
- BLV, Informationsschreiben 2024/2 zur Angabe des Produktionslandes
- BLV, Schweizer Ernährungsempfehlungen für Erwachsene
- FiBL, Biologischer Sojaanbau, Merkblatt 1834, Schweizer Ausgabe 2025
- Bioaktuell, Richtpreise für Bio-Ackerkulturen
- Mühle Rytz, Herausforderungen im Anbau und in der Vermarktung von Bio Speisesoja
- ANSES, Nährwerttabelle Ciqual
- Blanco Mejia et al., Journal of Nutrition 2019, Metaanalyse der 46 FDA-Studien zu Sojaprotein
- Messina, Nutrients 2026, Sojakonsum in der Kindheit und Brustkrebs im Erwachsenenalter
- EFSA, Isoflavone in Nahrungsergänzungsmitteln, 2015